Habe ich genug Milch?

30.03.2023

Wie oft habe ich diese Frage in meiner Laufbahn als Hebamme von Frauen gehört und wie oft habe ich ihnen gesagt, dass alles gut wird und wir das schon hinbekommen. Tja- und jetzt stehe ich da mit meinem Talent und bin mit meinem Latein selber am Ende angekommen...

… Mittwoch 29.03.2023, 2 Tage nach meinem letzten Post auf Instagram zum Thema Stillroutine… es ist ein Phänomen. Kaum glaubt man, jetzt hat man den Dreh raus, kommt was Neues dazu. Von wegen, die Frage – Habe ich genug Milch?,- sei passé: erst gestern habe ich sie mir wieder gestellt nachdem Little Vi meine Brüste wieder angebrüllt hat und nach 1 ½ Stunden Stillen noch immer Hungerzeichen zeigte. Also gab es wieder die Flasche. Ungern. Aber es hilft nicht. Die Trinkwiegungen zeigen es. Little Vi bekommt zu wenig Milch über meine Brüste. Nach beidseitigem Stillen je eine halbe Stunde hat sie 90ml getrunken. Viel zu wenig. Trotz Clustern und häufigem Anlegen, wollen meine Brüste einfach nicht mehr Milch produzieren. Warum? Googelt man im Internet ploppt sofort auf, dass zu wenig Milch schlichtweg unmöglich ist und die Zeichen der Kinder nur falsch interpretiert werden. Toll! Und jetzt? Jetzt fühlt man sich noch schlechter, weil man die Flasche gegeben hat und fragt sich ob man zu wenig Durchhaltevermögen zeigt. Fragt sich ob es der Stress ist, den man sich dabei macht. Weil man sich dermaßen unter Druck setzt, damit es klappt. Wäre es besser nach à la Laissez faire zu leben? Würde die Milch dann mehr? Selbst ich, als Hebamme, stelle mir all diese Fragen. Also fängt man von vorne an. Häufiges Anlegen, Brustmassage, Pumpen. Die Anlegetechnik passt. Die Stillpositionen werden gewechselt.

Auch die unterstützenden Maßnahmen zur Milchanregung scheinen irgendwie nicht anzusprechen. Schüsslersalze, Globuli, Galaktogoga und Bockshornkleekapseln. Stilltee inklusive. Das Abpumpen nach dem Stillen ist eher frustrierend. Mit Handpumpe zwar besser als mit elektrischer. Aber die Welt an Muttermilch kommt dabei auch nicht. Also mache ich wieder Brustmassagen. Da kommt zwar immer etwas, aber auch nach 15 Minuten nur 10-15ml. All diese mühevoll erarbeiteten Milliliter werden sorgfältig verschlossen und gesammelt, damit ich sie ihr nach dem Stillen füttern kann. Pures Gold!

Es ist mühsam und gleichzeitig frustrierend. Ich fühle mich schlecht, weil ich meinem Kind nicht gerecht werde und es nicht ausreichend ernähren kann. Die Tatsache, dass mein Kind meine Brüste anbrüllt nach den Stillmahlzeiten versetzt mir immer wieder einen Stich ins Herz und an schlechten Tagen fließen Tränen. Dabei lief es am Anfang nach dem Milcheinschuss richtig gut. Aber ein Kind wächst nun mal. Und wenn die Milchmenge nicht mehr wird, dann ist es also nur logisch, dass die Muttermilch allein nicht mehr ausreichend ist und man zufüttern muss.

Little Vi wird morgen 5 Wochen und wir brauchen etwa 60-100ml Pre Nahrung in 24h. Es könnte ja auch schlechter laufen, versuche ich mich selbst zu trösten. Ich bin dabei diese Tatsache zu akzeptieren und an einigen Tagen macht es mir nichts mehr aus. Doch dann kommen wieder diese Wachstumsschübe und aus diesen 60-100ml werden schnell mehr. Gleichzeitig wächst meine Angst, dass mit jeder Flasche meine Muttermilch noch weniger wird und sie irgendwann versiegt. Aus diesem Grund mache ich weiter mit all diesen Maßnahmen. Wie lange ich das noch durchziehe? Keine Ahnung. Man will schließlich nur das Beste für sein Kind. Also hoffe ich, dass -auch wenn es mühsam und nicht immer leicht ist- ich noch lange weiter stillen kann und Little Vi solange wie möglich Muttermilch bekommt. Immerhin reichen nach neueren Studien ja 30% aus, um eine stabile Darmflora zu gewährleisten.

Also ist am Ende alles nur halb so schlimm? Sieht man es zu eng? Setzt man sich als Frau, als Mutter zu sehr unter Druck? Wahrscheinlich. Aber die Tatsache, dass man sein Kind nicht ausreichend mit seiner eigenen Muttermilch ernähren kann, macht etwas mit einem. Es setzt einen inneren Prozess frei, den man so nie erwartet hätte. Ein Gefühl des Versagens. Man fragt sich: Was würde man machen, könnten wir nicht auf Pre Nahrung zurückgreifen? Müsste mein Kind dann Hunger leiden und sollten wir uns stattdessen vielleicht also einfach glücklich schätzen in einer privilegierten Gesellschaft zu leben, die uns das ermöglicht? 

Ganz ehrlich- ich weiß es nicht. Ich glaube jede Frau muss ihren eigenen Weg finden damit umzugehen. Auch ich als Hebamme. Denn auch ich bin nur eine frischgebackene Mama, die sich all den Herausforderungen mit Kind stellen muss und vielleicht die Lebenseinstellung à la Laissez faire mehr beherzigen sollte. Denn es gibt wahrlich Schlimmeres als sein Kind mit der Flasche zu füttern...

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